Wenn der Hund beim Gassi gehen streikt

Copyright: Marion Friedl

Eigentlich lieben Hunde das Gassi gehen. Doch manchmal streikt der Vierbeiner. Das kann beim Anleinen bzw. an der Haustür losgehen oder es passiert irgendwann beim Spaziergang. Dafür gibt es Gründe und es gibt Lösungen für das Problem.

Das sind die häufigsten Gründe für den Streik:

  • Angst
  • Unsicherheit
  • Langeweile
  • Überforderung
  • Alter bzw. Krankheit

Grund 1: Die Angst

Der Hund will sich nicht anleinen lassen oder er weigert sich, das Haus zu verlassen. Manche Vierbeiner flüchten geradezu (z.B. unter das Bett) und lassen sich nicht mehr heraus locken, reagieren auf kein Kommando und werden sauer, wenn man sie aus dem Versteck hervor ziehen will. Es kann auch unterwegs passieren, dass die Fellnase bockig auf dem Hintern sitzen bleibt, umdreht und nach Hause läuft oder widerspenstig an der Leine kämpft.

All das tut der Hund nicht grundlos. Die Ursache für den Streik beim Gassi gehen muss gefunden werden, um darauf reagieren zu können. Prüfen Sie, in welcher Situation gestreikt wird. Wehrt er sich gegen die Leine? Stört ihn ein Gegenstand, wie etwa ein Flatterband? Ängstigt ihn ein Geräusch, wie z.B. Baustellenlärm? Schüchtert ihn ein wütend bellender Hund hinter einem Gartenzaun ein? Ist eine bestimmte Umgebung, wie etwa ein Tunnel, Auslöser für die Angst?

Leine und Halsband kann man mit Leckerlis attraktiv machen. Belohnen Sie jede Annäherung. Bieten Sie das Leckerli so an, dass der Hund nur ran kommt, wenn er mit dem Kopf durch das Halsband mit eingehakter Leine schlüpft und sich sozusagen selbst an die Leine legt. Seien Sie aber auch selbstkritisch: Vielleicht verweigert er das Gassi gehen und die Leine, weil er ahnt, dass Sie streng an der Leine ziehen werden. Entspannen Sie sich, arbeiten Sie mit Ruhe und ruhigem Ton und lassen Sie die Leine locker durchhängen. Jeder Zug strafft das Halsband bzw. Geschirr und löst ein Abwehrverhalten (z.B. Kampf an der Leine), Fluchtverhalten (Ziehen) oder einen bockigen Sitzstreik aus.

Störfaktoren sollten Sie entweder umgehen, indem Sie eine andere Route beim Gassi gehen wählen. Noch besser: Zeigen Sie ihm, dass Sie die Situation im Griff haben und kein Grund für Angst besteht. Das gelingt, wenn Sie gelassen und ohne veränderte Stimme, Geschwindigkeit, Körperhaltung auf die Situation zugehen und durch die Situation gehen. Ignorieren Sie ein Zögern des Hundes und gehen Sie selbstbewusst voran. Verzichten Sie auf locken, überreden, trösten etc. Sie gehen einfach weiter, weil es das Normalste ist, am Flatterband vorbei, durch den Tunnel, bei Lärm oder trotz wütendem Hund hinter dem Zaun spazieren zu gehen. Strahlen Sie Selbstsicherheit und Gelassenheit aus, damit sie sich auf den Hund überträgt. Tipp: Ängste stressen den Hund und sind anstrengend: Die Wasserflasche sollte deshalb immer dabei sein.

Grund 2: Die Unsicherheit

Welpen und unerfahrene Hunde haben häufig mit Unsicherheit zu kämpfen. Sie müssen suspekte Situationen mit einem positiven Erlebnis kennenlernen und bewältigen. Ist dem Hund z.B. eine Treppe nicht geheuer, darf auf jede Stufe ein Leckerli gelegt werden und der Mensch wartet ein paar Stufen weiter unten mit dem Lieblingsspielzeug auf den tapferen Helden. Warten Sie unbedingt in einer Entfernung, in der Sie zugreifen können, falls der Hund zu stürzen droht. Er soll ja kein negatives Erlebnis haben.

Unsicherheit ist die Vorstufe zur Angst. Sie können ebenso darauf reagieren wie bei Ängsten. Aber sie können auch das unsichere Verhalten umlenken bzw. davon ablenken. Oft sind unsichere Hunde noch empfänglich für ablenkende Handlungen, während bei echter Angst Kopflosigkeit, Konzentrationsmangel und Panik auftreten können.

Ein Futter-Dummy kann manchmal Wunder wirken. Nähern Sie sich einer Stelle beim Gassi gehen an, an der sich der Hund stets unsicher zeigt und sich streikbereit hinsetzt, dann werfen Sie den Futterbeutel und lassen Sie ihn diesen Dummy suchen und bringen. Bringt er den Dummy, loben Sie ihn und spendieren ein Häppchen aus dem Futter-Dummy. So geht das Spiel weiter, bis die Situation bewältigt ist.

Die Umlenkung wird mit Freude kombiniert. Beispiel: Im Tunnel hallt es und es ist dunkel und eng. Gehen Sie mit deutlicher Freude auf den Tunnel zu, pfeifen Sie im Tunnel ein leises Lied oder machen Sie trotz Enge ein Freudentänzchen. Dieses Verhalten wird Ihren Vierbeiner irritieren, denn so hat er Sie noch nie erlebt. Ermuntern Sie ihn mit einem Spielzeug, das Tänzchen mitzumachen oder ein Spiel zu wagen. Belohnen Sie jeden kleinen Schritt mit einem Spiel oder einem Leckerli. Ist der Tunnel zu Ende, endet Ihre Freude, das Spiel und die Belohnung. Nun können Sie mit normalem Verhalten weiter gehen oder nach ein paar Schritten fragen: „Tunnel?“ und dann geht es nochmal spielerisch, pfeifend, tanzend, belohnend durch den Tunnel. Damit zeigen Sie dem Hund, dass Sie den Tunnel lieben und Spaß dabei haben. Der Hund verbindet den Tunnel mit einem angenehmen Erlebnis (Spiel, Belohnung), er orientiert sich an Ihnen und verliert die Scheu.

Unsicherheit liegt häufig an mangelnder Erfahrung (z.B. wenig Reize/Erlebnisse, wenig Gassi gehen) und Erziehung. Der Hund muss lernen, auf Kommandos zu hören, denn dann kann er sich viel besser am Zweibeiner orientieren und er macht die Erfahrung: Wenn ich auf meinen Menschen höre, passiert mir nichts. Achtung: Unsicherheit ist Stress und der macht durstig. Wasserflasche nicht vergessen!

Grund 3: Die Langeweile

Sie drehen mit Ihrem Liebling täglich dieselbe Runde? Wie langweilig. Irgendwann kennt man jeden Geruch, jeden Baum und jeden Weg. Kein Wunder, dass der Hund keinen Bock mehr hat aufs Gassi gehen. Machen Sie die Gassi-Runden wieder spannend: Ändern Sie die Route, wechseln Sie bei den Routen ab, integrieren Sie auf einer Wiese ein Frisbee-Spiel, balancieren Sie gemeinsam über einen Baumstamm, gönnen Sie sich zwischendrin ein Picknick, waten Sie durch einen Bach – und schon wird der Spaziergang abwechslungsreich, neu und interessant.

Sorgen Sie auch für Begegnungen mit Menschen und Hunden. Mögen sich die Hunde und sind alle abrufbar, dürfen die Vierbeiner gerne miteinander spielen bevor der Spaziergang fortgesetzt wird. Sie können sich auch mit einem anderen Hundebesitzer verabreden und gemeinsam Gassi gehen. Wer will da noch streiken?

Kombinieren Sie das Gassi gehen auch mal mit einem Ausflug, bei dem die Fellnase Unbekanntes kennenlernt und Herausforderungen meistern muss. Das kann ein Zoobesuch mit fremden Tieren, Lauten und Gerüchen sein. Aber auch ein Besuch im Eiscafé oder eine Dampfer-Rundfahrt können Highlights sein, bei denen keine Langeweile aufkommt. Nicht vergessen: Wer aktiv ist, braucht Pausen mit frischem Wasser. All das hat noch einen Vorteil: Der Hund weiß nie, was ihn erwartet und die Neugier verhindert, dass er schon zu Hause streikt oder frühzeitig bockt.

Grund 4: Die Überforderung

Die Gründe für die Überforderung sind vielfältig. Hitze kann körperlich ebenso überfordern wie klirrende Kälte. Mangelnde Fitness und Übergewicht können  ebenfalls zu schaffen machen und es liegt meist an zu wenig Bewegung. Wird das Gassi gehen vor allem mit Erziehung verbunden, stellt sich ebenfalls Überforderung ein, denn der Hund soll dauernd konzentriert mitarbeiten, obwohl seine Nase viele verlockende Gerüche wittert, die er erkunden will. Auch Zwang ist Überforderung: Deshalb den Hund nie aus einem Versteck  zerren, nicht dauernd an der Leine korrigieren und Fuß gehen lassen und nicht hinterher ziehen, wenn er bockig auf dem Popo sitzt. Zwingen Sie ihn nicht zu ungeliebten Aktivitäten, wie etwa schwimmen im Teich. Es gibt nun mal Hunde, die nicht gerne baden – und mit Zwang tun sie es erst recht nicht gern.

Gassi gehen soll Spaß machen, auspowern und das natürliche Bedürfnis nach Bewegung befriedigen. Legen Sie zwischendrin 15 Minuten Hundeschule ein, aber vorher und nachher ist Toben und Rennen angesagt. Achten Sie auf die Fitness des Hundes, denn auch zu lange Spaziergänge oder Steigungen können überfordern.  Nehmen Sie Rücksicht auf das Tempo des Hundes, der vielleicht gemütlich gehen und nicht joggen oder neben dem Rad laufen will. Bei Hitze wird zu kühleren Tageszeiten morgens und abends Gassi gegangen und die Wasserflasche ist stets griffbereit. Bei Kälte kann der empfindliche Hund warm eingepackt werden. Das Wetter kann auch über die Länge bzw. Kürze der Gassi-Runden entscheiden.

Grund 5: Alter und Krankheit

Senioren und kranke Hunde gehen anders Gassi. Sie sind langsamer als junge Hunde und nicht mehr so lang bzw. weit unterwegs. Das muss man akzeptieren.  Wählen Sie kurze Routen mit wenigen Steigungen, viel Schatten und ruhigen Hundebegegnungen. Legen Sie Pausen ein und haben Sie stets frisches Wasser dabei. Gönnen Sie Ihrem Hund vor und nach dem Gassi gehen Ruhe. Reduzieren Sie unterwegs Stress und Anstrengung. Beobachten Sie, zu welchen Zeiten sich Ihr Hund am wohlsten fühlt. Das ist die bevorzugte Zeit fürs Gassi gehen.

Für alte und kranke Hunde sind Tierarztbesuche besonders wichtig. Der Doc sollte öfter ein Auge auf den Hund werfen  und prüfen, ob er Medikamente braucht bzw. die Dosis und Therapie angepasst werden muss. Beobachten Sie Ihren Hund hinsichtlich Ausdauer, Fitness und Problemen – das können wertvolle Hinweise für den Tierarzt und das Gassi-Programm sein. Text/Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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