Paulchens Welt: Wenn Du es eilig hast, geh langsam

Copyright: Marion Friedl

Mit Stolz kann ich verkünden, dass ich beim Training Fortschritte gemacht habe. Euer Paulchen kann jetzt an der Schleppleine langsam gehen und auf Abruf zu Frauchen sprinten. Und es kommt noch besser: Ich übe jetzt ohne Schleppleine. Wurde ja auch Zeit, dass mir Frauchen vertraut.

Von Welpen-Flausen zur Pubertäts-Rebellion

Nun ja, ich muss zugeben, dass ich es Frauchen nicht leicht gemacht habe, mir zu vertrauen. Seit Monaten üben wir nun schon. Als Welpe erweckte ich mal vorsorglich den Anschein, dass ich gelehrig und folgsam bin. Allerdings habe ich es mir kurze Zeit später anders überlegt und fand alles interessant, nur nicht die Kommandos und den Gehorsam. Also büffelten wir wieder. Irgendwann gab ich klein bei und befolgte mal wieder für eine Weile die Kommandos, doch dann hatte ich glatt alles vergessen. Auf einen Schlag war mit zehn Lebensmonaten das Erlernte einfach weg. Frauchen nannte es Pubertäts-Rebellion und legte mich an die Schleppleine fürs Training.

Wie werde ich die blöde Schleppleine los?

Und so übten wir tagein, tagaus und ich fragte mich, wann Frauchen die Lektion wohl begriffen haben mag. Darüber dachte ich eine ganze Weile nach – bis ich eines Tages erkannte: Nicht sie sollte lernen, sondern ich. Was mir verständlicherweise missfiel. Aber was will man machen. Ich wollte ja diese blöde Schleppleine wieder los werden. Außerdem konnte ich mir die Jammerei von Frauchen nicht mehr anhören, dass sie dauernd Leberwurstpaste als Belohnung für mich kaufen muss. Das weckte bei mir Argwohn: Was, wenn das Geld futsch ist und nichts mehr für Leckerlis übrig ist? Das wäre saublöd…

Im Modus Gehorsam war die Leberwurst-Tube schneller leer

Vorsorglich beschloss ich, den Schalter in meinem Köpfchen, den Frauchen breiten Sturschädel nennt, umzulegen und in den Modus Gehorsam zu schalten. Wau, Frauchen hat sich kaum eingekriegt vor Begeisterung und die Leberwurst-Tube war leider noch schneller leer als sonst, weil ich so oft belohnt werden musste. Und dann war es endlich so weit: Frauchen führte mich an der Schleppleine, ließ mich die Kommandos ausführen und dann sah sie sich nach allen Seiten um. Fast wie ein Indianer, der die Umgebung checkt. Ich hoffte auf ein Abenteuerspiel, aber es sollte noch besser kommen. „Keiner da. Wir sind allein und versuchen es mal ohne Schleppleine.“ Wahnsinn! Und tschüss – war ich weg.

Freiheit, ich komme!

In mir rief alles: Freiheit, ich komme! Und hinter mir rief Frauchen: „Paulchen, hier!“ Ich musste mal wieder nachdenken, ob ich tatsächlich zu ihr sprinten sollte oder ob ich die Gelegenheit auf Freiheit nutzen sollte. Doch was war das? Frauchen drehte sich einfach um und ging weg. Sie sah sich nicht mal mehr um nach mir. Eines war klar: So geht das nicht, Frauchen! Ich flitzte zu ihr und sah erwartungsvoll zur Leberwurst-Tube. Aber sie spendierte mir gar nichts. Mpf. Ich war beleidigt und lief wieder voraus. Sollte sie doch allein spazieren gehen. Doch darauf hatte sie offenbar keine Lust. Ich hörte wieder dieses „Paulchen, hier!“ und rannte diesmal sofort los. Mann, hat die sich gefreut und es gab Leberwurst für mich.

Wenn Du es eilig hast, geh langsam

Weil sich weiterhin keine Ablenkung blicken ließ, übte Frauchen mit mir ohne Leine auch noch das langsame Gehen. „langsam!“ hieß es und ich ließ mal kurz Tempo nach, um dann wieder Gas zu geben. Es war anscheinend zu kurz, denn Frauchen kam gar nicht dazu, mich mit Leberwurst zu belohnen. Also dehnte ich das langsame Tempo beim nächsten Mal ein wenig aus und prompt gab es Lob und Lohn dafür. Allerdings fiel mir das Durchhalten schwer. „Wenn Du es eilig hast, geh langsam“, zitierte Frauchen ermahnend ein afrikanisches Sprichwort. Darüber musst Du als Hund erst mal nachdenken. Und dafür braucht man Zeit. Also ging ich langsam und in meinem Sturköpfchen arbeitete es. „Super, Paulchen“, lobte mich Frauchen. „Andere Leute zahlen viel Geld für ein Entschleunigungs-Coaching.“ Häh? Schon wieder etwas, worüber ich nachdenken musste. Und ehe ich es versah, stand ich immer noch grübelnd vor unserem Gartentor und neben mir brach Jubel, Trubel, Heiterkeit, Lobeshymne und Belohnungsorgie los: Frauchen war so was von stolz auf mich.

Wau! Frauchen bestellt einen Hund

Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Wenn ich weiterhin ohne Ablenkung brav bin, dann bestellt Frauchen einen Hund. Auch darüber musste ich nachdenken. Wo bitte, bestellt man Hunde? Ich würde gleich mehrere nehmen… Frauchen  bremste meinen Nachdenk-Prozess jedoch mit dem Hinweis, dass sie meinen Kumpel zu einem gemeinsamen Spaziergang einladen will. Cool! Dann können wir die Wiese und das Feld rocken!

Meine Freude ließ ein wenig nach, als Frauchen hinzufügte, dass sie dabei überprüfen will, ob ich auch folgsam bin, wenn ein anderer Hund dabei ist. Mal sehen ob ich ihr optimistisches „Gell, das machst Du schon, mein kleiner Versuchshund“ erfüllen kann, denn über das Wort Versuchshund muss ich erst mal nachdenken. Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

 

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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