Paulchens Welt: Was will der fremde Hund hier?

Copyright: Marion Friedl

Besuch ist immer ein Erlebnis. Vor allem, wenn er mir etwas mitbringt. Aber bislang hatten die Besucher nur zwei Beine. Eurem Paulchen war das ganz recht, denn das Risiko, dass mir ein Zweibeiner etwas wegfuttert, ist gering. Aber letztes Mal war Gefahr in Verzug. Vor der Tür standen sechs Beine: Zwei gehörten zu einem Menschen und vier zu einem Hund. Der fremde Hund versetzte mich unweigerlich in Alarmbereitschaft.

Die wundersame Hundevermehrung

Fragend schaute ich zu Frauchen, weil ich mir eine Antwort auf die Frage „Was soll diese wundersame Hundevermehrung?“ erhoffte. Doch sie ignorierte die Frage und stellt nur fest: „Da staunst Du, Paulchen.“ Das war eine Untertreibung, denn dieser fremde Hund traf mich völlig unvorbereitet und in mir überschlugen sich die Fragen: Wo kommt der plötzlich her? Was will er hier? Wird er bleiben? Bekommt er mein Futter? Muss ich ein Leckerli mit ihm teilen? Ich war verständlicherweise äußerst beunruhigt.

Alles meins – auch Frauchen

Vorausschauend marschierte ich mit hoch erhobenem Schwanz und selbstbewusst angespanntem Körper durch meine Wohnung. Dabei machte ich dem Besucher klar: Meine Decke, mein Kissen, mein Bett, mein Spielzeug, meine Näpfe, mein Futter, meine Leckerlis. Der fremde Hund beobachtete mich und ich hoffte, dass er meine Führung mit Aufzählung meiner kostbaren Habseligkeiten in seinem Kopf abspeicherte. In diesem Moment beugte sich mein Frauchen zu dem Hund namens Xaver herunter und streichelte ihn. Da fiel mir ein, dass ich in meiner Aufzählung vergessen hatte, Frauchen als mein Eigentum zu erwähnen. Ich stürmte deshalb nach vorne, drängte Xaver ab und schob ein gebrummtes „Mein Frauchen“ hinterher.

Was für ein Streber!

Frauchen unterstellte mir daraufhin einen Eifersuchts-Anfall. Ich wusste nicht, was sie damit meinte, aber vorsichtshalber war ich beleidigt. Nicht zu Unrecht, wie sich herausstellte, denn Frauchen schickte mich auf mein Kissen. Von dort beobachtete ich Xaver, der sich regelrecht einschleimte: Der fremde Hund legte sich still neben sein Herrchen und blieb reglos bei dessen Füßen liegen. Ich harrte der Dinge und überlegte, wie lange er diese Nummer wohl durchhalten würde. Ich musste nicht lange warten, denn nach ein paar Minuten gab Xaver sein Streber-Verhalten auf.

Mein Erfolg hielt nicht lange an

Xaver näherte sich mir und meinem Kissen. Ich ließ nervös eine Lefze zucken. Das passierte automatisch, war aber berechtigt, denn schließlich war ich seinetwegen auf mein Kissen geschickt worden. Xaver war offenbar beeindruckt, auch wenn er als erwachsener Retriever größer war als ich. Er machte einen Bogen um mich. Ich wollte schon freudig erregt auf meinen Erfolg aufmerksam machen, da erlaubte sich der fremde Hund etwas, das mich wufflos – äh sprachlos – machte: Er machte den Bogen, drehte wieder um und legte sich vor mich hin. Wenigstens mit Abstand…

Ich hatte keine Lust auf einen Konkurrenten

Eine ganze Weile lagen wir uns gegenüber und beobachteten uns. Dann wurden wir aus unserer Konzentration gerissen. Frauchen fragte allen Ernstes: „Habt Ihr Euch schon angefreundet? Soll Xaver bei uns bleiben?“ Ich sprang wie von der Tarantel gestochen auf und war entsetzt. Das war nicht in meinem Sinne. Ein Nahrungs-, Bett- und Spielzeug-Konkurrent direkt vor meiner Nase. Niemals! Fast hätte ich Frauchens Gekicher überhört. Was ich aber genau hörte, war die Bemerkung: „Jetzt hast Du aber einen Schreck gekriegt, Paulchen.“ Unglaublich, dass sie das bemerkt hatte. Ich wartete ab, ob noch eine hilfreiche Anmerkung kommen würde. Ich hatte Glück. Frauchen meinte: „Keine Angst, Xaver hat sein eigenes Zuhause.“

Wir wurden glatt rausgeworfen

Ab diesem Zeitpunkt hellte sich meine Stimmung schlagartig auf. Ich forderte Xaver zu einer Verfolgungsjagd auf, um seine Geschwindigkeit und Wendigkeit zu testen. Wir hatten Spaß, aber unsere Menschen wollten daran nicht teilhaben. Sie warfen uns doch glatt raus. Erst blieben wir ein wenig ratlos und baff vor der Haustür sitzen, aber dann machten wir das Beste aus der Situation und rasten durch den Garten. Wir setzten auch einige Pinkelbotschaften ab, weil Small Talk ja zu den guten Manieren gehört. Dann widmeten wir uns einem anspruchsvollen Ballspiel: Dem Gegner den Ball abjagen und dann totschütteln. Xaver staunte über meine vielseitigen Talente und wir wurden immer mehr zu Freunden.

Das jähe Ende einer neuen Freundschaft

Unsere Freundschaft wurde jedoch jäh unterbrochen, weil Xavers Herrchen nach Hause gehen wollte. Wir waren enttäuscht. Nach dem erzwungenen Abschied wandte sich Frauchen an mich: „Keine Sorge, Dein Freund besucht Dich irgendwann wieder. Aber bis dahin musst Du lernen, in der Wohnung nicht so wild zu sein.“ Ich schwieg, aber ich beschloss insgeheim diese Ermahnung zu ignorieren, denn wilde Hunde werden in den Garten verbannt und da ist es lustiger als bei den Menschen in der Wohnung. Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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