Paulchens Welt: Warum bin ich bei der Tierärztin gelandet?

Copyright: Marion Friedl

Manchmal ist mein Frauchen wirklich gemein. Erst vor Kurzem hat sie mich so was von ausgetrickst. Man könnte es Vorspiegelung falscher Tatsachen nennen. Nur deshalb bin ich da gelandet, wo ich nie freiwillig hingegangen wäre: Bei der Tierärztin.

Die Vorfreude war etwas voreilig

„Paulchen, auf geht es“, hat sie gerufen und das tut sie immer dann, wenn wir entweder Gassi gehen oder mit ihrer Kutsche – äh, dem Auto – wegfahren, Weil sie die Handtasche mitnahm, wusste ich: Es wird eine Autofahrt. Mann, hatte ich mich gefreut. Ein Ausflug! Ich liebe Ausflüge. Sofort ließ ich mich anleinen, zum Gartentor hinaus führen und ebenso schnell sprang ich rein ins Auto. Von mir aus konnte es losgehen. Vor lauter Vorfreude war mir entgangen, dass Frauchen gar nichts über unser Ausflugsziel erzählt hatte.

Frauchen hörte nur auf Paula

Erst steuerte sie das Auto auf einer bekannten Strecke und ich erwartete, dass mich mein Paulchen-Taxi zu meinem Kumpel Smokey bringen würde. Doch dann bog sie falsch ab. Ich wurde ein wenig unruhig. Hey, wo willst Du hin? Man kann doch nicht innerhalb einer Woche vergessen, wo man abbiegen muss… Aber Frauchen schien ihren Irrtum nicht zu bemerken. Sie fuhr einfach weiter und hörte nur auf ihren Navi, der meine Schwester sein muss, denn sie hat den Navi Paula getauft.

Ein Schwanzwedeln für den Fahrer hinter mir

Okay, dachte ich mir. Dann wird es wohl ein anderes Ausflugsziel sein. Auf der Landstraße rasten die Bäume am Autofenster vorbei und irgendwie kam mir auch diese Straße bekannt vor, aber ich dachte nicht länger darüber nach. Hinter uns fuhr noch ein Auto und der Fahrer winkte mir fröhlich zu, was ich freundlich mit einem Schwanzwedeln beantwortete. Dann wurde es kurvig und wir fuhren durch ein Dorf. Ich sah Menschen und sogar einen Hund. Nicht die schlechtesten Aussichten, dachte ich mir. Dann bog Frauchen ab und es ging durch eine schmale Straße mit vielen Häusern, aber ohne Menschen. Sie blinkte und fuhr auf einen Parkplatz.

Ich wurde seelisch und moralisch nicht vorbereitet

Ich sprang aus dem Auto und blieb wie angewurzelt stehen: Oh mein Gott… Die Tierarzt-Praxis. Sie hätte mich wenigstens seelisch und moralisch darauf vorbereiten können, aber nein: Kein Sterbenswörtchen hat sie mir gesagt. Und ich hatte keine Ahnung, was wir hier wollten. Ich fühlte mich absolut gesund und fit. Urplötzlich hatte ich es gar nicht mehr eilig. Ich trottete langsam neben Frauchen her und war dann doch angenehm überrascht vom freundlichen Empfang mit Streicheleinheiten. Immerhin…

Chorprobe mit einer Mieze

Im Wartezimmer saß nur eine Frau mit einer Katze im Transportkorb. Frauchen setzte sich mit großem Abstand zur Katze hin. Mist. Ich hätte mir die Mieze gerne näher angeschaut. So konnte ich sie nur riechen und hören. Die maunzte sich einen ab, sage ich Euch. Irgendwann beschloss ich, dass sie Verstärkung brauchte: Sie maunzte, ich fiepte. Die Chorprobe wurde jedoch abrupt unterbrochen. Mieze wurde aufgerufen und verschwand mitsamt ihrem Frauchen in einem Zimmer. Da drin maunzte die noch lauter als im Wartezimmer. Das gab mir zu denken.

Oha! Eine Frau in Weiß mit Leckerli

Allerdings blieb mir kaum Zeit zu Nachdenken. Ich hörte, dass eine Frau meinen Namen rief. Brav stand ich auf und führte mein Frauchen zu dieser Frau im weißen Kittel. Das war die Tierärztin. Die begrüßte mich so überschwänglich, dass ich befürchtete, sie will mich womöglich adoptieren. Ich sah kurz zu Frauchen auf, aber die schien nicht beunruhigt zu sein. Also machte ich das Begrüßungsspektakel mit und sprang fröhlich um die Beine der Tierärztin, wedelte mit dem Schwanz, fiepte und kriegte mich fast nicht mehr ein. Endlich ließ die Frau in Weiß ein Leckerli springen. Hätte es noch länger gedauert, wäre ich womöglich durchgedreht…

Sauerei! Ich wurde am Popo gestochen!

Die Freude über das Leckerli währte nicht lang. Als sich die Tierärztin umdrehte und etwas von einem Tisch holte, hoffte ich auf Nachschubleckerlis. Aber weit gefehlt: Sie kam mit einem unheimlichen Ding auf mich zu. Frauchen lenkte mich mit einer saublöden Fingerspiel-Nummer ab und während ich halbherzig darauf einging, spürte ich hinten einen Stich. Sauerei! Mein Frauchen jubelte „Gut gemacht, geimpftes Paulchen“ und dann klopfte die Ärztin auch noch auf den Stich am Popo, freute sich kindisch und meinte: Schon vorbei, Paulchen. Und schwupp hielt sie mir ein Leckerli unter die Nase. Gut, wer will da nachtragend sein.

Ich muss Frauchen besser erziehen

Als ich mit Frauchen die Praxis verließ, war ich beleidigt. Frauchen hat mich zwar gelobt, aber im Gegensatz zur Tierärztin hatte sie mit der Belohnung herumgegeizt. Ich sprang etwas missmutig ins Auto und da hatte Frauchen dann wohl doch das schlechte Gewissen gepackt. Sie streichelte mich, lobte mich noch einmal und spendierte mir auch ein Leckerli. Ich nahm ihre Entschuldigung an, aber eines ist auch klar: Nächstes Mal muss sie mit der Belohnung eher um die Ecke kommen. Ich muss sie einfach besser erziehen… Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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