Paulchens Welt: Umziehen ist ein Abenteuer

Copyright: Marion Friedl

Im Moment geht hier alles drunter und drüber. In Paulchens Welt ist eigentlich nichts mehr wie es war. Wir ziehen nämlich um. Frauchen nennt das Umziehen Stress, ich nenne es Abenteuer. Seit etwa einer Woche geht es hier rund. Morgen rollt der Möbelwagen an und ich muss aufpassen, dass ich in Frauchens Auto lande und nicht in einem Karton verpackt im Umzugslaster. Das wäre ja ein Schachterlteufel, wie man in Bayern den nennt, der aus der Schachtel raus springt.

Paulchen allzeit bereit im Karton

Ich hatte das schon mal geprobt. Man weiß nie, wie die Umzugshelfer drauf sind. Wenn einer schläft statt schuftet, springe ich aus dem Karton raus und wecke ihn mit einem gehörigen Schrecken auf. So dachte ich es mir zumindest und prompt hatte ich Frauchens Ankündigung „Jetzt packen wir den Paulchen-Karton“ als Aufforderung verstanden. Schwupp war ich drin in der noch leeren Schachtel – allzeit bereit zum Umziehen. „Okay, Deckel zu, Paulchen drauf schreiben und ab in den dicken, großen LKW“, hat Frauchen daraufhin gesagt. Ich überlegte ein wenig und kam zu dem Schluss, dass der Job als Schachterlteufel vielleicht doch nicht so erstrebenswert ist. Noch bevor Frauchen den Deckel schließen konnte, wurde ich unruhig. Ich drehte und wendete mich, wetzte hin und her – bis der Karton zu schaukeln begann, umkippte und ich wieder raus konnte.

Der Koffer ist schon besetzt

Abenteuer sind etwas Tolles, aber ich habe beim Umziehen permanent die Befürchtung, dass ich nicht mitgenommen werde. Deshalb bin ich nicht nur in den Karton gesprungen, sondern auch in den Koffer von Frauchen. „Mist, Klamotten haben jetzt keine mehr im Koffer Platz“, murrte sie. Mir war das egal – bis Frauchen den Deckel vom Koffer umklappte und feststellte: „Paulchen, Du bist zu dick. Der Koffer geht nicht zu.“ Also bitte! Ich bin schlank und rank und niemand hat etwas davon gesagt, dass der Koffer geschlossen wird. Aber egal – fest stand: Im Koffer bleibe ich nicht. Das wäre enger als ein Zwinger und den hat Frauchen zu meiner Erleichterung nie angeschafft.

Ich lasse Frauchen nie aus den Augen

Inzwischen sind die Wände kahl, die Teppiche gerollt, alle Kartons und Koffer gepackt und ich wurde nicht verpackt. Das macht mich misstrauisch und ich sehe die Schlagzeile vor mir: Sieben Monate alter Junghund bei Umzug verhungert und verdurstet. Also hilft nur eins: Frauchen nie aus den Augen lassen. Wo sie hingeht, gehe auch ich hin. Sobald sie mit dem Auto fortfahren will – zack bin ich drin in der Kutsche und fahre mit. Sie muss mal? Ich begleite sie – und wehe sie macht die Badtür vor meiner Nase zu. Dann wird aber gefiept.

Fehlalarm auf der Fensterbank

Überhaupt empfiehlt es sich in Abenteuer-Situationen alles im Blick und im Griff zu haben. Die gepackten Kartons sind für mich die Treppe hinauf zur Fensterbank. Da sitze ich nun unermüdlich und beobachte die Straße. Ich halte seit Montag Ausschau nach dem großen Möbelwagen. „Willst Du bis Samstag da sitzen, Paulchen?“ hat mich Frauchen gefragt und ich dachte mir: Wenn es sein muss, ja. Einmal hatte ich Frauchen verunsichert. Ein großer LKW kam und ich wurde unruhig auf der Fensterbank. Frauchen verstand mich ohne Worte, denn sie sagte: „Was?! Heute ist erst Dienstag und der Möbelwagen rollt an?“ Sie lief zum Fenster und meinte dann: „Paulchen, erschreck mich nie wieder so. Das ist der Lieferwagen für den Dorfladen gegenüber.“ Nun ja, man kann sich ja mal irren… Umziehen ist schließlich neu für mich.

Bei einem Umzug muss man Opfer bringen

Das Schlimmste aber ist, dass sie meine Decke nicht mit umziehen will. „Jeder muss ein Opfer bringen“, stand für sie fest und warf meine Decke in die Mülltonne. Ich war entsetzt und beleidigt zugleich, denn die Decke roch so gut nach mir. Okay, sie hatte Löcher, war ausgefranst und schmuddelig. Aber deshalb muss sie doch nicht den Mülltod sterben, oder? Und was ist eigentlich Frauchens Opfer? „Ich habe Kleidung ausgemistet“, informierte sie mich und schleppte einen Kleidersack zum Auto, um ihn zu einem Container zu fahren. Tolles Opfer, dachte ich mir. Hätte ich Hundekleidung, würde ich die lieber opfern als meine Decke. Aber ich müsste ja nackig herum laufen, weil ich nichts anzuziehen habe…

Einen Freund habe ich schon gefunden

Wir beziehen am Samstag ein hübsches, älteres Häuschen mit Garten in Franken. Das ist etwa drei Stunden Autofahrt von meinerm jetzigen Zuhause entfernt. Ich war bei der Besichtigung dabei und habe auch schon den Garten gerockt. Mit einem Border Collie namens Smokey. Ein toller Kerl und mein erster neuer Freund dort. Frauchen meinte: „Border Collies sind blitzgescheit. Von Smokey kannst Du viel lernen, Paulchen.“ Da hat sie die Rechnung aber ohne uns gemacht. Sie weiß es nur noch nicht. Wir wollen nämlich nicht lernen, sondern spielen. Wir hatten echt viel Spaß in meinem neuen Paulchen-Garten und wir haben noch so einiges vor. Aber das verraten wir natürlich nicht.

Buschtrommeln statt Telefon?

Ungewiss ist, wann wir dort Telefon und Internet bekommen. Frauchen stöhnt nur genervt, murmelt irgendetwas Unanständiges über Telefonanbieter und sagt dann: „Aber ich rege mich über nichts mehr auf.“ Ich schon. Schließlich will ich nächsten Freitag wieder meine Kolumne hier schreiben, auf Facebook soll ich täglich Geschichten erzählen und ein Buch soll ich auch noch schreiben. Und wenn Smokey mich anrufen will, um sich mit mir zu verabreden…? Buschtrommeln statt Telefon und Internet…?

Hoffentlich werde ich nicht mit der Deko verwechselt

Nun bin ich gespannt, wie Frauchen all unsere Sachen in dem Häuschen unterbringen will. Es ist nur halb so groß wie unsere jetzige Wohnung. Man könnte sagen: Tausche Bernhardiner-Hundehütte gegen Pinscher-Hundehütte. Aber sie meint „mit quetschen und schieben wird das was.“ Das bedeutet, dass ich mich gegen jegliches quetschen und schieben wehren muss – falls Frauchen mich mit einem Möbelstück oder einer Deko verwechselt. Das ist ihr auch schon bei der ersten Fuhre ins neue Zuhause passiert: Zerbrechliche Deko hat sie hingefahren und ich saß mittendrin und sah auch aus wie ein Dekostück. Ich muss also auf der Hut sein… Tschüüüß – und hoffentlich bis bald, wenn der Umzug geschafft ist und ich mich online aus Franken melden kann! Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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