Paulchens Welt: So hört sich der Sommer an

Copyright: Marion Friedl

Das ist ja mein erster Sommer. Und der hört sich ganz anders an als der Winter. Das geht morgens mit dem Vogelgezwitscher los. Das ist immerhin ein schönes Geräusch. Schöner als Donnergrollen. Frauchen fallen Geräusche manchmal gar nicht so auf, aber die hört ja nicht so gut wie ich. Jetzt ist auch klar, warum meine Ohren so groß sind: So schnell entgeht mir kein Geräusch. Dumbo-Ohren, leg sie an und heb nicht ab – was ich mir alles anhören muss, weil meine Ohren ein wenig groß geraten sind. Wenigstens stehen sie nicht ab – also meistens nicht.

In der Hölle sind wieder Plätze frei

Letztens fuhren wir gemütlich im Auto. Ich fahre gerne Auto, aber dann ging es los: Knatter, peng, und hui! Ich sprang erschreckt auf und bellte los. Frauchen war ganz cool und meinte: „Das sind nur Motorräder.“ Pah! Höllenmaschinen waren das! Bereit zum Ritt in das flammende Inferno des Teufels. Ich muss zugeben: Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie schnurstracks dorthin gefahren wären. Die waren so was von laut! Und an meiner friedlichen Auto-Kutsche schoss eine Maschine nach der anderen mit Affenzahn und Höllenlärm vorbei. Dann war es wieder friedlich. Wie im Winter. Da war in der Hölle wahrscheinlich kein Platz mehr frei, weil sich alle aufwärmen wollten und die Motorräder deshalb Pause hatten.

Frauchen darf nie in einen Schützenverein eintreten

Ach ja, der friedliche Winter… Glöckchenklang, leise Musik, hübsche Gesänge. So ein Weihnachtsmarkt hat schon was. Das sind Klänge (hihi, und Düfte), die mir gefallen. Jetzt ist das anders. Im Sommer lassen es die Menschen krachen. Erst läuteten die Kirchenglocken wie verrückt – ich glaube, die waren noch nie so laut. Dann suchte ich instinktiv Schutz unter Frauchens Schreibtisch, denn es machte drei mal so laut Peng, dass ich dachte, meine großen Ohren fliegen weg. Salutschüsse vom Schützenverein nannte Frauchen diesen Krach. Frauchen schießt ja auch manchmal scharf, wenn sie laut und streng „Nein“ sagt, wenn ich etwas mache, das ihr nicht gefällt. Aber ich hoffe, dass sie niemals in einen Schützenverein eintritt.

Nix wie weg, wenn Menschen falsch singen

Nach den Salutschüssen fand ein Fest statt. Ich war neugierig und konnte es kaum erwarten bis Gassigehzeit war und wir an diesem Fest vorbei gehen mussten. Als Hund muss ich informiert sein über Aktivitäten in der Nähe meines Territoriums, um es gut schützen zu können. Doch was ich sah und hörte, war wenig erfreulich. Die Menschen sagten etwas, aber ich verstand sie nicht. Ihre Gesänge waren ganz anders als auf dem Weihnachtsmarkt: Von Andacht keine Spur und sie sangen auch noch falsch. Und dann der schwankende Gang…

Ich bereute, dass ich Frauchen an der Leine zu den feiernden Menschen geschleppt hatte und ihre Warnung „Die sind betrunken, das wird Dir nicht gefallen“ ignoriert hatte. Als ich dicht an den gröhlenden, nach Bier riechenden Menschen dran war, schaltete ich in den Fluchtmodus und dachte mir: Nix wie weg, die treten mir noch auf die Pfoten! Man versteht sie nicht, sie sind laut und irgendwann fallen sie um, weil sie anscheinend mit nur zwei Beinen das Gleichgewicht nicht gut halten können. Ich wich aus und war erleichtert, dass Frauchen auf mein Ziehen an der Leine so gut hört.

Beim Überschlag würden meine Ohren flattern

Ein Volksfest habe ich mir auch angesehen. Da war ich aber schon vorsichtiger. Ich ging mit Frauchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite Gassi, aber ich blieb immer wieder stehen, um möglichst viel zu sehen. Die schwankenden, gröhlenden Menschen kannte ich ja schon. Aber Wau, war das ein Gehupe, Gekreische, Gewummer und Geheule. Irgendwo plärrte irre laute Musik aus einem Lautsprecher, zwischendrin kreischte eine Sirene und eine Stimme, die lauter als Frauchens schlimmste Schimpfe-Stimme war, verlangte: „Kommen Sie näher, fahren Sie mit, haben Sie Spaß!“

Sonst noch Wünsche? Nicht mit mir. Auf meine Teilnahme muss leider verzichtet werden. Ich fahre lieber sicher bei Frauchen im Auto mit als in einem Auto-Scooter, der dauernd Unfälle baut. Und auf einen Überschlag in einer Schaukel habe ich auch keine Lust – ich muss ja an meine großen Ohren denken: Wenn die ins Flattern kommen – ich will mir nicht vorstellen, was dann los ist. Ich komme nicht näher, ich fahre nicht mit und ich bin mir sicher, dass es keinen Spaß macht. Aber vielleicht kann mir Frauchen ja mal so eine weiße Wolke mitbringen, die man Zuckerwatte nennt…?

Fahrzeuge ackern mein Gassi-Revier um

Im Sommer bleiben die Fahrzeuge auch nicht auf den Straßen. Nein… Sie kurven auf den Feldern und Wiesen herum, machen Lärm und manchmal werfen sie hinten mit Gras nach jedem, der sich annähern will. Ich halte Abstand. Mit Mähmaschinen will ich nichts zu tun haben. Auch nicht mit Pflügen und was sonst noch so rumfährt in meinem Gassi-Revier. Frauchen sagt, im Spätsommer nieten die alles um, denn dann kommen auch noch riesige Erntemaschinen dazu. Dann machen sie sich wieder vom Acker. Immerhin kann ich dann wieder über freie Landschaften flitzen und nehme dabei niemandem die Vorfahrt. Schade ist nur, dass dann auch keine bimmelnden Kühe und blökenden Schafe mehr da sind. Ihre Musik wird mir fehlen.

Grillfleisch ist tabu, weil ich keine Geräusche machen soll

Selbst nachts ist es im Sommer nicht ruhig. Allerdings sind diese Geräusche keine Qual für meine Riesenohren. Lachende Menschen, klapperndes Geschirr, zischende Geräusche auf dem Grill, dezente Musik im Hintergrund oder zünftige Blasmusik – das gefällt mir. Okay, es gefällt mir auch, weil es verlockend gut nach gegrilltem Fleisch riecht. Aber ich bekomme da nie was ab, weil Frauchen sagt, dass ich dann Geräusche mache. Häh? Würde mein Pupsen bei all diesen Sommergeräuschen überhaupt auffallen? Ich glaube nicht, aber mich fragt ja keiner… Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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