Paulchens Welt: Nein, man bettelt nicht

Copyright: Marion Friedl

Ob da wohl was runter fällt? Vielleicht bekomme ich ja den letzten Happs? Nein, es heißt: „Paulchen, man bettelt nicht.“ Mpf. Frauchen hat einfach kein Verständnis für mich. Geht es Euch auch so? Meistens geht dann das Zeigefinger-Gewackel los und sie sagt: „Das tut man nicht.“ Ich denke mir dann immer: Man nicht, Hund schon…

Null-Leckerli-Tarif in der Küche

Als Hund hat man seine Aufgaben und Verpflichtungen. Dazu gehört auch, dass man die Aufsicht in der Küche führt. Das erledige ich sehr gewissenhaft und wenn Frauchen kleckert oder eine Nudel verliert, dann räume und putze ich hinter ihr her. Eigentlich wäre hierfür ein Leckerli-Honorar angemessen, aber Frauchen setzt weder auf Mindestlohn noch auf Dumping-Löhne. Sie setzt komplett auf den Null-Leckerli-Tarif. Ich habe keine Ahnung, warum sie meine Putzleistung nicht würdigt. Aber es fällt auf keinen Fall in die Kategorie Mitarbeiter-Motivation. Okay, ist auch nicht nötig, weil ich freiwillig mit der Zunge putze und Frauchen sich keine Gedanken über streikendes Personal machen muss. Aber das muss sie ja nicht wissen. Also halte ich die Klappe…

Sie tafelt, ich gehe leer aus

Auch bei Tisch zeige ich beste Mitarbeiter-Qualitäten. Ich sitze brav da und beobachte, ob Frauchen auch richtig mit dem Besteck umgehen kann. Sorgfältig kontrolliere ich, ob der Happen im Mund landet, auf den Teller purzelt oder gar zu mir herunter fällt. Letzteres ist bislang noch nie passiert – aber man kann ja nie wissen…

Meistens wird mir die Beobachterei zu langweilig. Dann lege ich meinen Kopf auf Frauchens Oberschenkel und schiele von unten her zu ihr hinauf. Und dann kommt sofort die „Korrektur eines unerwünschten Verhaltens“, wie Frauchen ihre Hartherzigkeit nennt. Sie schickt mich mit dem Wort „Ab“ ein wenig weg, sagt dann „Platz“ und wenn ich liege, ist sie offensichtlich zufrieden, weil sie mich dann „braves Paulchen“ nennt. Das bedeutet aber nicht, dass sie mir von ihrem Teller etwas als Belohnung abgeben würde. Nein, sie tafelt vor meiner Nase weiter und ich gehe leer aus. Sie kommentiert das mit dem Hinweis: „Mein Paulchen bettelt nicht.“ Hat die eine Ahnung…

Nur nicht aufgeben

Meistens bleibe ich mit Blick auf den Jackpot gehorsam ein paar Sekündchen liegen, aber dann pirsche ich mich wieder an. Das hat einen guten Grund, denn ich vermute jedes Mal, dass sie mich vergessen hat. Die ersten paar Zentimeter rutsche ich auf dem Bauch voran, irgendwann richte ich mich auf und dann tapper ich mich immer näher ran an das Objekt der Begierde, was natürlich nicht mein Frauchen ist, sondern ihr Essen. Leider entgeht Frauchen nichts. „Ab… Platz…Braves Paulchen.“ Zack, das war’s dann. Ich liege wieder auf der Stelle, von der ich mich eigentlich vom Acker gemacht habe. Mist…

Aufgeben beim Engagement für soziale Gerechtigkeit ist aber nicht. Ich bin jung, zielstrebig und ausdauernd. Ich starte deshalb stets mehrere Annäherungsversuche, die sich völlig gegen das Motto „Mein Paulchen bettelt nicht“ richten. Ich will mir schließlich nicht Fantasielosigkeit oder mangelndes Durchhaltevermögen vorwerfen lassen. Ich will auch nicht, dass man mir nachsagt, ich würde mich einschüchtern lassen. Nein… Ich doch nicht… Belohnt wird das aber auch nicht mit einem Dinner for Two.

Man bettelt nicht, Paulchen

Kaum legt Frauchen ihr Besteck auf dem Teller ab, stehe ich kerzengerade mit weit aufgerissenen Augen und riesigen gespitzten Ohren neben ihr, mein Blick wandert vom Tisch zu ihr, zurück zum Tisch, wieder zu ihr – und bevor ich das Spiel  fortsetzen kann, sagt sie: „Man bettelt nicht, Paulchen.“ Immerhin: Ich wurde nicht auf meinen Liegeplatz zurückgeschickt. Aber ich habe nichts abbekommen: Mein Blick sagt deshalb empört: Wie konntest Du mich vergessen, Frauchen? Jetzt ist der Teller leer.

„Du sollst nicht leben wie ein Hund“ – Na geht doch…

Mein Betteln, wie Frauchen mein Charity-Engagement gegen Paulchen-Bedürftigkeit nennt, hat sich noch nie wirklich gelohnt. Ich bin jedes Mal ein wenig enttäuscht. Aber was will man machen? Man kann sich sein Frauchen nicht aussuchen. Man landet einfach bei dem Frauchen, das Geld für mich hingeblättert hat. Tja, da gab es nur eine – warum auch immer…

Manchmal habe ich aber den Verdacht, dass Frauchen meine Gedanken hört. Sie ist ja so eine Schamanen-Nudel, wie mein Vorgänger Kimba sie genannt hat. Während sie das Geschirr spült, denke ich: Ein Leckerli wäre recht. Und siehe da: Sie atmet  einmal tief durch und sagt: „Na gut, Du sollst nicht leben wie ein Hund.“ Ein Satz, der unweigerlich dazu führt, dass ich Hoffnung schöpfe und mit dem Popo wackle. Sie geht zu meinem Hundeschrank, greift in eine Tüte und spendiert mir ein Leckerli. Ich denke dann nur noch: Na geht doch! Das hat mal wieder gedauert… Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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