Paulchens Welt: Bleib kann so viel bedeuten

Copyright: Marion Friedl

Wie kann man nur so unklare Kommandos geben? Leute, mit mir kann man echt reden. Aber nicht so. Wenn Frauchen Bleib sagt, kennt sich kein Paulchen mehr aus. Und das liegt wirklich nicht an mir.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es noch lerne

Ich bin jetzt ein halbes Jahr alt und bald habe ich bei Frauchen keinen Welpenschutz mehr. Noch lässt sie mir Dinge großzügig durchgehen. Dann sagt sie: „Naja, Du bist halt noch ein Welpe.“ Und nach einem Atemzug Luft holen fügt sie hinzu: „Du wirst es schon noch lernen, Paulchen.“ Ich bin mir da aber nicht so sicher, denn Frauchen macht es mir echt schwer.

Das war dann wohl nichts

Beispiel: Das Kommando Bleib. Erst lässt sie mich Sitz machen und freut sich, dass ich dieses Kommando so gut kann. Ich will mich mitfreuen, springe auf und lechze nach einer Belohnung. Und was ist? Keine Belohnung. Stattdessen die unangenehme Nachricht: „Wir sind noch nicht fertig.“ Ich musste erneut Sitz machen. Dann sagte Frauchen „Bleib“ und ich fragte mich „Warum?“. Ich beobachte sie kurz, um hinter den Sinn des Kommandos zu kommen. Dabei bemerkte ich, dass sie die Hand nach vorne ausgestreckt hielt. Aha, dachte ich folgerichtig: Sie hat vergessen, die Hand für die Platzposition zu senken. Kann ja mal passieren. Ich diskutierte nicht lange herum, sondern machte brav Platz und erwartete erneut eine Belohnung. Und erneut gab es nichts – außer den Kommentar: „Das war dann wohl nichts.“

Was will mir die Hand sagen?

Unglaublich, oder? Sie nennt mein braves Platz einfach nichts. Ich wollte mich beleidigt verkrümeln, aber Frauchen war bestand auf Sitz. Ich beobachtete die Hand. Vielleicht hatte sie vergessen, die Hand senkrecht zu stellen, damit ich abklatschen kann. Ich patschte einfach mal auf die Finger der ausgestreckten Hand und erfuhr: „Nein, das wollte ich nicht, Pauchen.“ Ja, was willst Du denn, Frauchen?

Mir war das zu blöd

Sie fuhr fort mit ihrem Bleib-Drill. Mir war das inzwischen zu blöd. Ich beschloss, auf meinem Popo sitzen zu bleiben und gar nichts mehr zu tun. Und hey: Für dieses Nichtstun bekam ich eine Belohnung. Normalerweise muss ich mir die durch irgendeine Leistung verdienen. Frauchen ist manchmal ein wenig inkonsequent…

Frauchen weiß nicht, was sie gesagt hat

Aber gut, wenn sie es so will: Sie sagte wieder Bleib und ich blieb wieder tatenlos sitzen. Vorerst, denn Frauchen benahm sich plötzlich eigenartig. Sie ging in Zeitlupe ein, zwei, drei Schritte rückwärts und bei jedem Schritt sagte sie Bleib. Das hatte sie noch nie getan. Ich sprang beunruhigt auf und lief auf sie zu, um nach dem Rechten zu sehen. Für so viel Besorgnis hatte ich eine Belohnung erwartet, aber ich ging  wieder leer aus. Frauchen kratzte sich am Kopf und fragte mich allen Ernstes: „Was habe ich gesagt, Paulchen?“ Jetzt muss ihr der Hund schon sagen, was sie vor nicht mal einer halben Minute gesagt hat. Das gibt zu denken…

Eine Belohnung fürs Kratzen

Ich beschloss, meine Taktik zu ändern. Ich machte wieder auf Kommando Sitz, Frauchen schlich rückwärts davon und ich blieb sitzen und kratzte mich am Kopf. Schlaue Menschen nennen das Übersprunghandlung zum Stressabbau. Ich habe einfach Frauchen imitiert. Sie wusste nicht mehr, was sie gesagt hatte und kratzte sich am Kopf. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte und kratzte mich am Kopf. Als ich mich so kratzte, näherte sich Frauchen wieder vorwärts gehend an, streichelte mich und gab mir ein Leckerli mitsamt Jubel-Lob.

Eine Entscheidung wäre hilfreich

Ich dachte mir: Aha! Ich habe verstanden, Frauchen. Bleib bedeutet kratzen. Wir wiederholten die Übung ein paar Mal und jedes Mal kratzte ich mich. „Und jetzt lass das Kratzen weg, Paulchen“, verlangte sie von mir. Nun war ich total verwirrt: Bleib – kratzen – oder doch nicht? Was nun? Sie sollte sich mal entscheiden, was sie will.

Kratzen klappt im Sitzen und Liegen

Mittlerweile war ich müde und verweigerte die Sitzposition. Stattdessen legte ich mich gemütlich hin. Frauchen akzeptierte es und meinte: „Dann eben in Platzposition. Da fällt Hunden das Bleib leichter.“ Ich kratzte mich und stellte fest: Mir ist das egal, ob ich mich im Sitzen oder Liegen kratze. Klappt beides gut.

Bleib bedeutet wohl Gähnen

Ich hörte wieder das Wort Bleib und gähnte, um meine Müdigkeit zu vertreiben. Kaum war ich damit fertig, stand Frauchen wieder vor mir – sie hatte sich ja mit ihren Schleicherschritten nicht weit entfernt – und zack hielt sie mir eine Belohnung vor die Nase. Belohnung fürs Gähnen? Ich war froh, dass ich mich mit dieser Frage nicht näher befassen musste, denn Frauchen erklärte die Schulstunde für beendet. Ich bin gespannt, was Bleib morgen bedeutet… Text: Paulchen / Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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