Paulchen und Pepino vermissen den Maibaum

Copyright: Marion Friedl

„Wo ist er denn nun, Paulchen?“

„Wahrscheinlich geklaut, Pepino.“

„Was?! Die haben meinen Maibaum geklaut?“

„Sieht so aus. Oder er wurde vom Virus dahingerafft, Pepino.“

„Der erste Maibaum meines Lebens ist schon wieder tot?!“

„Naja… Ehrlich gesagt…“

„Was hast Du getan, Paulchen? Zu Tode gedüngt? Annahme verweigert?“

„Ich dachte, es gibt überall in Bayern Maibäume, Pepino. Aber in Franken gibt es Kerwa-Fichten.“

„Was ist das, Paulchen?“

„Das sind die dürren Bäumchen mit den mageren Nadelästen dran, Pepino.“

„Die kenne ich. Das sind die, die es nicht zum Weihnachtsbaum bringen. Karriere-Abbrecher sozusagen. Das sind keine Maibäume, Paulchen. Ich will einen Maibaum haben.“

„Wenn ich doch keinen habe, Pepino.“

Ich armer Spanier wurde beschissen

„Ich wurde beschissen! Ich bin aus Spanien hierher gekommen und dann kriege ich nicht mal einen Maibaum!“

„Dabei sind die so schön, Pepino. Weiß-blau angestrichen, oben hängt ein grüner Kranz und statt Äste haben sie Figuren am Stamm.“

„Du hast wenigstens mal einen gesehen, Paulchen. Und ich? Wie soll ich mich als spanischer Einwanderer ohne Maibaum integrieren?“

„Vielleicht sollten wir Frauchen fragen, ob sie den Baum da drüben am Bach weiß-blau anmalt.“

„Ich kenne die Antwort schon, Paulchen. Sie sagt Nein und erklärt uns, dass die Enten tot umfallen, wenn sich der weiß-blaue Baum im Wasser spiegelt.“

„Der Bach ist dreckig, da spiegelt sich nichts, Pepino.“

„Sag das nicht mir, sondern Frauchen. Aber egal: Anstreichen macht aus dem Baum noch keinen Maibaum. Er hat Äste mit Blättern und keine Figuren. Und Kranz sehe ich auch keinen.“

„Naja, die stellen wegen dem Corona-Virus sowieso keinen Maibaum auf, Pepino.“

„Was hat der Virus mit dem Maibaum zu tun? Mischt sich der überall ein?“

„Scheinbar. Beim Maibaum-Aufstellen sind viele Leute da, die zuschauen und feiern, Pepino. Das geht nicht, solange der Virus da ist.“

„Ich will trotzdem einen Maibaum haben, Paulchen.“

„Vielleicht fährt Frauchen mit uns ja in Bayern herum, wenn wir mal wieder Ausflüge machen dürfen. Spätestens in Oberbayern stehen bestimmt noch ein paar alte Maibäume rum, Pepino. Wenn es gut läuft, werfen die Leute oben links was in unsere Paypal-Reisekasse rein.“

„Oh ja! Ein Maibaum-Ausflug! Aber wenn da keiner steht, dann hast Du mir Märchen erzählt, Paulchen.“

„Habe ich nicht, Pepino. Die Mädchen tanzen im Dirndl und mit bunten Bändern um den Maibaum herum.“

„Täglich?“

„Nein, nur beim Maibaum aufstellen, Pepino.“

„Also gar nicht, weil keiner aufgestellt wird.“

„Tja, was will man machen, Pepino? Es ist halt ein eigenartiges Jahr.“

Wir machen Frauchen zu unserem Maibaum

„Das ist alles so traurig, Paulchen.“

„Jammer nicht, Pepino. Wir machen einfach Frauchen zu unserem Maibaum.“

„Wie soll das denn gehen, Paulchen?“

„Sie zieht sich weiß-blau an, streckt die Arme seitlich aus und hält irgendeine Afrika-Deko in den Händen.“

„Ob sie mitspielt, Paulchen?“

„Keine Ahnung, Pepino. Aber wir sollten es versuchen und dann tanzen wir um unseren Maibaum herum.“

„Flamenco?“

„Nein. Einen Zwiefachen.“

„Kenne ich nicht, Paulchen.“

„Egal, tanz einfach im Kreis herum, Pepino.“

„Das kann ich, Paulchen!“

„Und gefeiert wird mit Leckerlis, Pepino.“

„Arriba! Maibaum wir kommen…!“

„Halt, Pepino: Vergiss nicht, dass unser Maibaum Frauchen ist.“

„Ist das wichtig?“

„Ja, wir dürfen diesen Maibaum auf keinen Fall anpinkeln, Pepino…“ Text: Paulchen und Pepino / Foto: Marion Friedl   

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

2 comments Categories: Paulchen + Pepino Schlagwörter:

2 thoughts on “Paulchen und Pepino vermissen den Maibaum

  1. Bei uns gibt es keinen Maibaum, bei uns gibt es zu Pfingsten Briken die an die Eingangstüren kommen und einen großen Pfingstbsum. Danke für eure sehr schöne Mai Geschichte.

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