Manche Zugvögel fliegen nicht mehr gen Süden

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Die Kraniche ziehen wieder, die Stare sammeln sich und auch die Störche machen sich reisefertig. Obwohl? Die milden Winter haben dazu geführt, dass nicht alle Zugvögel den Flug gen Süden antreten. Und auch die Zugwege und damit auch die Wintergäste bei uns haben sich verändert. Der Klimawandel sorgt auch bei den Zugvögeln für Veränderungen.

Bundesweites Birdwatch-Wochenende

Am 5. und 6. Oktober startet wieder das Birdwatch-Wochenende von Naturschutzbund Deutschland (NABU) und des Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV). Es wird sicher interessant, welche Vögel man bundesweit bei zahlreichen Exkursionen beobachten kann. Immerhin sind von rund 250 Vogelarten in Deutschland etwa die Hälfte Zugvögel.

Klimawandel verändert Zugzeiten und Zugverhalten

Der NABU hat festgestellt, dass der Klimawandel die Vogelwelt ganz schön durcheinander bringt. Veränderungen sind bei Zugzeiten, Brutbeginn, Zugverhalten, geografischer Verbreitung und Populationsentwicklung zu bemerken. Viele Zugvögel kehren im Frühjahr etwa drei Wochen eher aus dem sonnigen Süden zurück und manche ändern ihre Abflugzeiten im Herbst. Das führt zu einem längeren Aufenthalt im Brutgebiet und zu einer früher beginnenden Brut. Die Gründe dafür sind auch bekannt: In Afrika steigen die Temperaturen und an den Rastplätzen am Mittelmeer fällt weniger Regen. Deshalb rasten Vögel nur kurz und fliegen schnell weiter nach Norden. Wegen der veränderten Zugzeiten verbringen Zugvögel, wie etwa Kiebitze, Stare, Singdrosseln und Hausrotschwänze, immer mehr Winterwochen in Mitteleuropa.

Einige Zugrouten werden kürzer

Insgesamt verkürzen sich die Zugwege. Schon bemerkt? Saatkrähen, die aus Russland zu uns ins gemäßigtere Winterklima fliegen, kommen in kleineren Schwärmen an als früher. Sie fliegen nämlich nur noch bis Osteuropa und sparen sich die Reststrecke. Eine ganz andere Route schlägt die Mönchsgrasmücke ein. Sie zieht es nicht mehr bis Spanien und Nordafrika, sondern nur noch zum Winterquartier ins milder gewordene Großbritannien.

Manche Zugvögel sagen die Winterreise ab

Wieder andere Zugvögel sagen die Winterreise gleich komplett ab. So werden beispielsweise in Bayern auch Weißstörche im Schnee. Auch Rotkehlchen werden an Futterstellen gesichtet und immer mehr Kraniche bleiben in Deutschland oder schlagen kürzere Routen ein. Außerdem ziehen im Herbst zusätzliche Buchfinken aus Skandinavien, dem Baltikum und aus Russland zu uns.

Klimaflüchtlinge fliegen gen Norden

Parallel dazu wandern bei uns Vögel aus südlichen und gemäßigten Zonen zu. So breiten sich beispielsweise Silberreiher, Wiedehopf und Bienenfresser jedes Jahr zwischen 2 und 20 Kilometer weiter gen Norden aus. Allerdings werden es nicht mehr Vögel ihrer Arten, sondern sie sind Klimaflüchtlinge: Sie verlieren wegen Trockenheit im Süden und Osten ihre dort angestammten Lebensräume. Ihre Zuwanderung führt wiederum zu Veränderungen in der heimischen Vogelwelt und das beeinflusst das Ökosystem. Der NABU rechnet mit Konkurrenzkampf um Nahrung und Brutplätze oder auch unbekannten Feinden für unsere Vögel.

Wüstenbildung: Lebensgefahr für Langstrecken-Flieger

Auch für Langstreckenzieher hat der Klimawandel Folgen. Allerdings sind die sehr anstrengend, denn über 80 % der europäischen Langstreckenzieher müssen künftig noch weiter fliegen. Laut Royal Society for the Protection of Birds könnte das für die Nachtigall bedeuten, dass sie im Jahr 2070 fast 800 Kilometer weit fliegen muss – das sind mindestens fünf Flugtage mehr. Auch mit angefuttertem Fettpolster wird für kleine Vögel ein Nonstop-Flug mit Sahara-Überquerung lebensgefährlich. Sie müssen wegen der fortschreitenden Wüstenbildung völlig erschöpft landen und finden dort womöglich keine Nahrung. Etwa 37 % der Langstreckenflieger brauchen dann einen Zwischenstopp.

Mehr negative als positive Folgen durch den Klimawandel

Weltweit sind etwa 33 % bedrohte Arten vom Klimawandel betroffen. Eine Studie von BirdLife International zeigt, dass 24 % der 570 weltweit untersuchten Vogelarten negativ und nur 13 % positiv vom Klimawandel beeinflusst werden. Die Klimaveränderung erfordert eine schnelle und andauernde Anpassung der Arten. Hatten die Arten früher viele Jahrhunderte dafür Zeit, so sind es jetzt nur 70 bis 80 Jahre.

Lebensräume schützen und erhalten

Umso wichtiger ist der Schutz und Erhalt ihrer bestehenden Lebensräume, um auch die Folgen für die Zugvögel abzumildern. So müssen unbedingt die Rastgebiete erhalten bleiben, doch es gibt schlechte Nachrichten: Das Sekretariat der Ramsar-Konventionen weist darauf hin, dass weltweit Feuchtgebiete verloren gehen. Zwischen 1970 und 2015 sind bereits ein Drittel der Feuchtgebiete verschwunden – das ging drei mal so schnell als bei den Wäldern.

Der NABU fordert deshalb auf einen dringend nötigen Klimaschutz in Deutschland und rund um den Globus hin. Die Hotspots der Zugvögel in Europa und Afrika müssten hierfür auch enger vernetzt werden. Text/Foto: Marion Friedl

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Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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