Beobachten Sie sich hundeschlau

Copyright: Marion Friedl

Hunde würden manchmal gerne sagen: Du verstehst mich nicht – schau hin und beobachte Dich hundeschlau. Tun Sie es! Nehmen Sie sich ein Buch, setzen Sie sich auf die Couch und lassen Sie den Hund links liegen. Sprechen Sie ihn nicht an, berühren Sie ihn nicht. Sie wollen ihn ja nicht beeinflussen. Klar, wenn er von sich aus zu Ihnen kommt, wird er gestreichelt. Der Unterschied: Er sucht den Kontakt, nicht Sie. Das gilt auch bei der Fütterung: Der Hund erinnert Sie ans Futter; Sie aber erinnern ihn nicht daran, dass er Hunger haben könnte. Alles klar? Dann geht der Hunde-Beobachtungs-Tag los:

Schläft er schon oder döst er noch?

Hunde schlafen und dösen viel. Beobachten Sie sein Nickerchen: Die Augen zu, aber wenn ein Auto naht, springt er sofort auf? Das war noch nicht mal richtiges Dösen. Das geht nämlich so: Augen zu, Hund entspannt, beim Geräusch sucht das Ohr die Geräuschquelle, aber der Hund steht nicht auf bzw. erst dann, wenn es  absolut nötig ist – etwa, wenn die Autotür zuschlägt. Ganz anders, wenn der Hund schläft: Augen zu, Hund entspannt und nichts lässt die Ohren oder den Hund zucken. Schläft der Hund sehr tief, bewegt ihn etwas ganz anderes: Er fiept und rudert mit den Pfoten. Das ist Tiefschlaf und im Traum ist er gerade der beste Jäger der Welt.

Warum tickt er bei Passanten aus?

Das kennt jeder: Jemand geht am Zaun vorbei, der Hund gibt Gas und verbellt den Kerl, der sich so nah an sein Revier herantraut. Manchmal verteidigt er aber nicht sein Revier, sondern Frauchen oder Herrchen. Der Besitzer hält unbewusst die Luft an, weil er das Bellen erwartet. Das merkt der Hund und brav erfüllt er die Erwartung des Zweibeiners. Beobachten Sie: Was tut der Hund, wenn Sie ihn unbemerkt durchs Fenster beobachten? Die Nase wittert, er sieht den Passanten, die Ohren sind gespitzt und das war‘s? Das ist der Beweis: Sie bringen den Hund zum Bellen. Tipp: Künftig interessieren Sie Passanten nicht mehr.

Warum kläfft er ohne Grund?

Weit und breit nichts zu sehen, aber der Hund bellt. Mag sein, dass der Mensch nichts bemerkt hat, doch das Spitzengehör des Hundes und seine Supernase haben  etwas registriert – und das muss er rechtzeitig kund tun. Es gibt noch einen Grund, warum Hunde allein im Garten bellen oder heulen. Sie reden mit einem Kumpel, der ein paar Häuser weiter wohnt. Beobachten Sie in welche Richtung der Hund bellt und lauschen Sie auf ein Antwortbellen. Hören Sie nichts, dann warten Sie mal ab – irgendwann spaziert der Hund vorbei, den Ihr Hund längst gehört und gerochen hat.

Warum hasst mein Hund Hunde?

Frauchen geht mit dem Hund an der Leine Gassi, es kommt ein Hund entgegen und je näher der kommt, umso mehr zieht ihr Hund an der Leine und bei der direkten Begegnung bellt er wütend. Frauchen schimpft laut, was den Hund anstachelt. Frauchen wird noch aufgeregter und der Hund denkt: Die braucht Hilfe. Sie hätte ihn beobachten und beim ersten Anzeichen der Aggression ein Kommando geben müssen. Dieses Beobachten kann man lernen: Ihr Hund ist im Garten, ein anderer Hund geht vorbei und Sie tun nichts. Es passiert Möglichkeit A: Ihr Hund steht auf, der Körper wird steif, die Rute hebt sich, das Fell sträubt sich, die Lefzen zucken – Attacke! Haben Sie‘s gemerkt? Der Körper wurde sehr früh und ohne Gebell starr. Das ist der Moment für ein Kommando, um den Hund zu stoppen. Eintreten kann auch Möglichkeit B: Ihr Hund bemerkt den Hund, richtet sich auf, aber macht kein Trara. Dieser Hund ist ihm egal. Variante C: Ihr Hund kläfft den Hund immer an und diesmal begrüßt er ihn fröhlich? Sorry, dann haben Sie bislang etwas falsch gemacht und in Erwartung der Belltirade zu tief eingeatmet oder die Schultern gestrafft.

Reden Hunde miteinander?

Machen Sie eine Beobachter-Expedition zur Hundewiese: Hunde, die sich verstehen, beschnuppern sich freundlich. Hunde, die sich nicht ins Gehege kommen wollen, machen einen Bogen umeinander. Ärger droht, wenn sie sich nicht mögen und jeder glaubt, er ist der Stärkere. Dann folgt: Anfixieren, steifer Körper, abgehackter Gang, aufgestellte Rute, gesträubte Haare, Lefzenzucken, knurren, ein Rempler und wenn keiner nachgibt, kann es zur Beißerei kommen. Sie sehen daran: Bis zum Biss passiert viel. Doch es gibt noch mehr zu sehen: Anstupsen bedeutet „spiel mit mir“. Am Fell wittern ist das Lesen der Visitenkarte. Eine waagrechte, starre Route mit taxierendem Blick ist gespanntes Beobachten, waagrechtes Wedeln ist freundlich, erhobene Route ist Dominanz und Warnung, extrem hohe Rute bedeutet Ärger. Unterlegene Tiere legen sich auf den Rücken, legen beschwichtigend die Pfote auf den Rücken des anderen oder lecken beruhigend dessen Lefzen. Aufreiten ist nicht immer sexuell motiviert, sondern kann auch heißen: Ich bin der Boss.

Gibt es auch Sprachfehler?

Das passiert beispielsweise, wenn der Hund das Hundevokabular nicht komplett erlernt hat, weil er als Welpe z.B. zu früh von der Hundefamilie getrennt wurde. Es kann auch passieren, wenn Ihnen ein Hund mit Behinderung oder mit verbotenerweise kupierten Ohren/Schwanz begegnet. Auch Hundekleidung kann Kommunikationssignale (z.B. gesträubte Haare) verstecken. Und dann gibt es noch die ungleichen Bedingungen: Beobachten Sie, wenn sich ein angeleinter und ein freilaufender Hund begegnen. Das sind ungleiche Bedingungen und es kann sich Ärger anbahnen oder der angeleinte Hund zieht ängstlich weg. Grund: Ein Hund ist frei und kann agieren wie er will. Der angeleinte Hund ist in seinen Möglichkeiten eingeschränkt. Bei Gleichberechtigung (beide Hunde ab- oder angeleint) sehen Sie hingegen: Keiner hat einen Vorteil, die Begegnung läuft ruhiger ab.

Wird mein Hund mit Hitze und Kälte fertig?

Sieht man von Erkrankungen und Nackthunden ab, dann stecken Hunde Hitze und Kälte dank Thermoregulierung im Fell gut weg. Außerdem können Sie beobachten, was der Hund tut: Ist es kalt, rollt er sich ein. Wird es noch kälter, wechselt er zu einer wärmeren Umgebung. Ist dem Hund zu warm, streckt er sich aus, damit der Körper Wärme abgibt. Wird es viel zu warm, sucht er Schatten oder kühle Orte auf. Bei Wärme hechelt er auch als Ersatz fürs Schwitzen und er trinkt mehr.

Wie beschäftigt sich der Hund?

Wenn Sie Ihren Hund einen Tag lang nur beobachten, muss er sich auch allein beschäftigen: Der Hund steht auf, geht zum Fenster, legt sich hin und sieht hinaus. Beobachten macht nicht nur Sie hundeschlau, sondern das Beobachten ist auch eine tolle Sache für Hunde. Der Hund geht in den Garten, schnuppert, pinkelt, rupft Gras aus, scharrt – er ist damit beschäftigt, Gerüche wahrzunehmen, etwas zu futtern, das Revier zu markieren und im schlimmsten Fall buddelt er ein Loch. Der Hund wandert umher, schaut sich allerlei an und wälzt sich mit dem Rücken auf dem Teppich: Auch das ist Beschäftigung, denn er ist auf  Kontrollgang und schubbert sich fürs Wohlbefinden und zur Fellpflege. Apropos: Der Hund leckt die Pfoten, kratzt die Ohren, knabbert an den Krallen? Das ist Pflege pur. Liegt Spielzeug herum, wird er sich auch damit befassen – und wenn er es der Hundeordnung zuliebe von einem Platz zum anderen trägt. Der Hund liegt abwartend lauschend im Flur? Psst, er ist beschäftigt: Man muss doch wissen, ob der Nachbar pünktlich heimkommt. Vogelzwitschern und der Hund ist in Aktion? Das macht Spaß und befriedigt den Jagdtrieb.

Warum ist er so hibbelig?

Wenn er von Raum zu Raum tigert, sich oft hinlegt und wieder aufsteht, Dinge aufnimmt und fallen lässt, winselt, hechelt – dann ist er unruhig. Da Sie ihn beobachtet  haben, wissen Sie nun, wann ihm langweilig wird. Für Sie heißt das: In bestimmten Intervallen spielen, Gassi gehen, kuscheln oder was auch immer. Sie wissen nun auch, wie lang Ihr Hund problemlos allein zu Hause bleiben kann und ab wann er Gesellschaft  braucht. Hibbelt er jedoch nur vor der Tür zum Garten herum, dann muss er einfach mal. Wird er täglich zu einer bestimmten Zeit unruhig, sagt ihm seine innere Uhr: Jetzt kommt jemand.

Warum ist mein Hund so ein Angsthase?

Schauen Sie ihm bei seiner Angst zu: Wann zieht er sich zurück? Wann klemmt er die Rute ein? Wann sucht er bei Ihnen Schutz? Beispiel Gewitter: Ein Blitz und der Hund weicht zurück – eventuell unter den Tisch, weil der einer sicheren Höhle ähnelt. Ein Grummeln und die Rute wird eingezogen, bedeutet: Es könnte unangenehm werden, ich fange an mich zu fürchten. Ein lauter Donner und der Hund kommt eilig und mit eingekniffener Rute, womöglich zitternd, zu Ihnen: Jetzt hat er Angst und sucht Schutz bei Ihnen. Tipp: Fassen Sie den Hund nicht an; trösten Sie ihn nicht! All das übersetzt der Hund falsch, und zwar so: Frauchen benimmt sich anders, also stimmt etwas nicht und ich habe zu recht Angst. Die Folge: Der Hund fürchtet sich noch mehr. Bleiben Sie ruhig bei ihm sitzen und sagen Sie nur beiläufig: Leg Dich.

Will der nur spielen?

Sie beobachten Ihren Hund nun schon lange und nehmen keinen Kontakt auf? Dann wird ihm das irgendwann zu blöd. Also kommt er auf sie zu, springt hoch und landet vorne liegend auf den Vorderbeinen, während er den Po in die Luft reckt. Das ist eine Spielaufforderung. Sie verlassen das Haus, kehren zurück und er springt Sie an? Das ist nicht nur Freude, sondern er maßregelt Sie mit dem Rempler zugleich für Ihr Wegbleiben. Der Hund schubst Sie, ohne dass Sie weg waren? Auch das ist eine Zurechtweisung: Ihm passt etwas nicht und er will, dass Sie den Zustand ändern. Am Beobachtungstag kann dies bedeuten: Ignoriere mich nicht länger. Also sollten Sie Ihre passive Haltung unterbrechen und sich dem Hund widmen. Hüpft der Hund nur auf und nieder vor Ihnen? Entweder will er raus oder er hat Hunger.

Warum pinkelt er in die Wohnung?

Stubenunreinheit ist nicht schön, hat aber Gründe. Bei Welpen ist klar, dass sie die Stubenreinheit erst erlernen müssen und Sie sollten beobachten, wie der kleine Kerl anzeigt, dass er mal muss. In allen anderen Fällen sollten Sie sich ebenfalls hundeschlau beobachten: Verliert er tröpfchenweise Harn? Dann geht es ab zum Tierarzt. Ist der Hund älter und das Malheur passiert nachts? Senioren müssen öfter raus. Setzt der Hund an bestimmten Stellen/Kanten kleine Mengen ab? Dann markiert er sein Revier. Ist es eine große Pfütze am Boden? Dieser Hund hat nicht gelernt, dass man das draußen macht oder er ist zu lang allein und kann es nicht mehr halten. Gespritzt wird oft, wenn die Freude über die Heimkehr des Besitzers zu groß ist. Protestpinkeln geht anders: Der Hund fühlt sich vernachlässigt, also pullert er und schon hat er die Aufmerksamkeit des Besitzers, weil der schimpft und putzt. Beobachten Sie sich hundeschlau – das bezieht sich eben nicht nur direkt auf den Hund. Text/Foto: Marion Friedl

About

Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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