Afrikanische Schweinepest: Keine Gnade für Wildschweine

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Der Bundesrat hat am 2.3.2018 einer Regierungsverordnung zugestimmt, die für Wildschweine fatale Auswirkungen hat: Ihre Schonzeit ist aufgehoben und sie dürfen nun ganzjährig bejagt werden – das heißt auch: Selbst Muttertiere und Frischlinge sind nicht mehr sicher. Auslöser für diesen Schritt ist die afrikanische Schweinepest.

Reduzierung der Wildschweine um 70 Prozent

Mit einer Reduzierung der Wildschweine um bis zu 70 % will man verhindern, dass sich die Seuche auch in Deutschland ausbreitet. Bislang gibt es aber noch keinen einzigen Fall hierzulande. Gut, die Seuche könnte eingeschleppt werden, aber ob genau ein zugewandertes und auch infiziertes Tier erschossen wird, das kann beim Abschuss freilich keiner sagen. Hinterher kann man das feststellen, aber dann ist es für das arme Schwein zu spät. Tot ist nun mal tot.

Geringes Risiko für Hausschweine

Verständlich, dass man Angst hat, die Seuche könnte in einen Schweinestall gelangen, zumal es keine Impfung gibt. Aber es gab ja schon mal eine Seuchengefahr und seitdem bestehen hohe Hygienemaßnahmen in den Ställen. Das minimiert das Risiko, dass der von der Lederzecke übertragene Erreger eingeschleppt werden könnte und dann der gesamte Bestand an Hausschweinen gekeult werden müsste. Wenn doch, müssten alle Hausschweine in diesem Bestand gekeult werden. Und das geht natürlich ans Geld der Landwirte und der Lebensmittelindustrie, die Schweinefleisch verkauft, verarbeitet und auch exportiert.

Tierschutzbund gegen Massenabschuss

Der Deutsche Tierschutzbund will keinen Massenabschuss von Wildschweinen. Es fehle an einer wissenschaftlichen Grundlage, kritisiert Pressesprecher Marius Tünte. Statt Panikmache wegen etwaiger Katastrophen müsse eine faktenbasierte Strategie im Umgang mit Seuchenszenarien her. Laut Marius Tünte seien nicht die Wildschweine das Problem, sondern der Mensch. „Weil tausende Mastschweine in riesigen Hallen zusammengepfercht werden, wird die schnellere Ausbreitung von Krankheiten bzuw. Seuchen begünstigt“, so Tünte. „Auch über den Grenzverkehr breitet der Mensch selbst die Seuche aus. Hier muss man ansetzen.“

Abschuss beseitigt kein Risiko

Diesem Statement kann ich nur beipflichten. Bedeutet ein Massenabschuss wirklich, dass das Seuchenrisiko beseitigt ist? Ganz bestimmt nicht, denn mal ehrlich und mit gesundem Menschenverstand betrachtet: Wenn ein erkranktes Wildschwein nicht erwischt wird, kann es den Erreger weiter verbreiten. Und: Quasi durch die Hintertür könnte ein Wildschwein klammheimlich aus dem Ausland zuwandern. Wenn dann kein Jäger schussbereit an der Grenze lauert, ist das Risiko schon wieder da. Verflixt aber auch – was für eine Sauerei…

Ist Monokultur wirklich sinnvoll?

Mein Argwohn kommt nicht von Ungefähr. Ist es nicht so, dass schon lange auf die wachsende Wildschweinpopulation geschimpft wird und sich so mancher Landwirt oder Gartenbesitzer wünscht, dass diese Viecher nicht mehr ihr Unwesen treiben? Und schon kann ich wieder Marius Tünte beipflichten, der den Mensch als Problem bezeichnet. Mir geht es gehörig auf den Geist, dass auf den Feldern immer mehr Monokultur, wie etwa Mais ohne Ende, angebaut wird. Mais bietet z.B. Bienen rein gar nichts – aber die Wildschweine werden satt und können sich dort verstecken.

Nutztierhaltung und Tiertransporte sind eine Schande

So richtig wütend machen mich allerdings die Haltungsbedingungen für Nutztiere und die entsetzlich langen Tiertransporte quer durch Europa. Beides ist eine Schande. Wer gesunde Lebensmittel – also Fleisch – haben will, muss den Tieren auch ein gutes und schönes Leben gönnen. Im Massen-Stall haben sie das bestimmt nicht und obendrein stecken sich Tiere zusammengepfercht natürlich schneller an irgendwelchen Krankheiten an. Das Märtyrium der Tiere geht sogar noch weiter: Man kutschiert die armen Viecher in engen Transportern durch Europa und selbst die Schlachtabfälle werden landauf, landab transportiert. Und natürlich mit Grenzübertritten in Länder, die womöglich schon Fälle von afrikanischer Schweinepest haben. Und der Erreger bekommt dann eventuell ein kostenloses Ticket für die Rückfahrt nach Deutschland.

Mensch und Müll als Risikofaktoren

Auch Privatleute tragen zum Risiko bei: Essensreste im Abfalleimer an der Bushaltestelle, „vergessene“ Reste nach einem Picknick oder auf dem offenen Grill, Komposthaufen im Garten und nicht weggesperrte Biotonnen – das alles ist ein willkommenes Fressen für die bösen, bösen Wildschweine. Auch Reisende können den Erreger aus Ländern mit afrikanischer Schweinepest einschleppen – oder sie hinterlassen an der Raststätte einen kleinen Reste-Imbiss für Wildschweine.

Ein Überdenken ist nötig

Tja, vielleicht sollte man mal in der Landwirtschaft, in Privathaushalten und auch beim verordneten Mülltrennungs-Wahn so einiges überdenken. Und bevor jetzt Beschwerden von Umweltschützern kommen: Ja, Mülltrennung ist sinnvoll, aber die Vielzahl von Tonnen ist es nicht. Der Müll wird nämlich in den Deponien noch mal kontrolliert und Roboter schaffen eine nahezu 100 % saubere Trennungsquote – und das ist wesentlich mehr als der Mensch daheim hinkriegt. Ergo: Weniger Tonne bei noch genauerer Sortierung bedeutet Umweltschutz, eine Entlastung des privaten Geldbeutels und – aber hallo – auch den Entzug einer Nahrungsquelle für diebische Wildschweine.

Ich sage: Massenabschuss ist Pfui!

Aufgewacht, Ihr Politiker und alle, die sich selbst an die Nase fassen müssten: Es kann nicht sein, dass der Mensch Tiere massenweise abschießt, aber selbst nichts tut, um einem Problem die Grundlagen zu entziehen. Profitgier, Regulierungssucht, Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit werden einem Tier zum tödlichen Verhängnis. Und das bei einer Seuche, die für den Menschen noch nicht mal gefährlich ist. Pfui sage ich da nur! Text: Marion Friedl / Foto: Gerald Förtsch

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Ich heiße Marion Friedl und bin Tierpsychologin und Journalistin. Mehr Infos gibt es übrigens auf der Seite: Über mich.

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